Wissen

Klangarbeit hat eine lange Geschichte. Manches davon ist gut belegt, manches wird gern erzählt, ohne dass es stimmt. Auf dieser Seite finden Sie, was sich nachweisen lässt. Wer genau hinschaut, findet im Text die Quellen. Zum Lesen, Nachprüfen und Weiterdenken.

1. Die ersten Klänge

Vor rund 40.000 Jahren saßen Menschen in Höhlen auf der Schwäbischen Alb und schnitzten Flöten. Aus dem Flügelknochen eines Gänsegeiers, aus Schwanenknochen und aus Mammutelfenbein. Die Funde aus dem Hohle Fels und dem Geißenklösterle gelten als die ältesten bekannten Musikinstrumente der Welt. Die fast vollständige Geierknochenflöte hat fünf Grifflöcher. Wer so etwas mit Steinwerkzeugen baut, will nicht nur Lärm machen. Er will Töne.

Die Klänge der Natur waren noch früher da. Wasser, Wind, Vögel. Dass sie uns guttun, ist heute keine Vermutung mehr. Forschende der Brighton and Sussex Medical School spielten Versuchspersonen Natur- und Kunstgeräusche vor und maßen Gehirn und Herzschlag. Bei Naturklängen richtete sich die Aufmerksamkeit eher nach außen, und der Teil des Nervensystems, der für Ruhe und Verdauung zuständig ist, wurde aktiver. Interessant ist ein Detail: Wer vorher am angespanntesten war, entspannte sich am stärksten. Wer schon ruhig war, eher nicht.

Eine Auswertung vieler Studien in der Fachzeitschrift PNAS kam 2021 zu einem ähnlichen Bild: Naturklänge gehen mit weniger Stress und besserer Stimmung einher. Wasserklänge wirkten am stärksten auf die Stimmung, Vogelgesang am stärksten gegen Stress.

2. Räume, die klingen

Nicht nur Instrumente klingen. Räume tun es auch. Archäologen und Akustiker untersuchen seit einigen Jahrzehnten, wie alte Bauwerke klingen. Das Fach heißt Archäoakustik.

Malta, über 5.000 Jahre alt. Das Hypogäum von Ħal Saflieni ist eine unterirdische Anlage aus der Jungsteinzeit, in den Fels gehauen. In einem Raum, der heute Orakelkammer heißt, haben Forschende ausgeprägte Resonanzen bei etwa 70 und 114 Hertz gemessen. Eine tiefe Männerstimme, die diese Töne trifft, ist in der ganzen Anlage zu hören. Eine spätere, sehr sorgfältige Messung durch den Akustiker Rupert Till bestätigte manche dieser Beobachtungen, andere nicht.

Irland, rund 5.000 Jahre alt. In Newgrange und anderen Steinkammern auf den britischen Inseln fanden Forschende 1996 jeweils eine starke Resonanz zwischen 95 und 120 Hertz, also im Bereich einer tiefen Männerstimme. War das Absicht? Ein Akustiker rechnete später nach: Für ein bewusstes Design für Gesang spricht in diesen Kammern nicht mehr als in einem gewöhnlichen Badezimmer. Jeder Raum hat Resonanzen. Die Frage ist, ob die Menschen sie gesucht haben.

Peru, rund 3.000 Jahre alt. In den unterirdischen Gängen des Tempels von Chavín de Huántar fanden Archäologen 2001 zwanzig verzierte Muscheltrompeten, sogenannte Pututus. Ein Team der Stanford University um Miriam Kolar untersucht seitdem, wie diese Gänge klingen. Bestimmte Schächte verstärken genau die Töne der Muscheltrompeten. Der Klang scheint von überall und nirgends zu kommen. Ob das geplant war, ist unter Forschenden umstritten.

Griechenland, 4. Jahrhundert vor Christus. Im Theater von Epidauros hört man einen Schauspieler noch in der letzten Reihe, fast 60 Meter entfernt. Lange hielt man das für ein Rätsel. 2007 zeigten zwei Forschende des Georgia Institute of Technology: Die Sitzreihen selbst wirken wie ein Filter. Sie dämpfen tiefes Hintergrundrauschen und werfen die höheren Frequenzen der Stimmen zurück zum Publikum. Die Griechen wussten das vermutlich nicht. Sie haben es gehört und gebaut.

Was bleibt: Menschen haben zu allen Zeiten bemerkt, wie Räume klingen, und haben diese Wirkung genutzt. Wie viel davon Plan war und wie viel Erfahrung, lässt sich nicht immer sagen. Sicher ist: Der Raum, in dem wir hören, gehört zum Klang dazu. Das gilt bis heute, auch zu Hause und im Büro.

3. Ägypten: Die Rassel der Göttin

Im alten Ägypten gehörte Musik zum Gottesdienst. Das wichtigste Instrument dabei war unscheinbar: das Sistrum, eine Rassel aus einem Griff und einem Rahmen mit losen Metallstäben. Die Ägypter nannten sie sesheshet, ein Wort, das klingt wie das Instrument selbst. Es war der Göttin Hathor geweiht, zuständig für Musik, Tanz und Freude. Ihr Gesicht ziert viele erhaltene Stücke.

Gespielt wurde es meist von Frauen. Das Amt der Tempelmusikerin war hoch angesehen, selbst Königinnen trugen es. Von Nofretete heißt es in einer Inschrift sinngemäß, sie besänftige den Gott mit süßer Stimme und dem Sistrum in beiden Händen.

Wie diese Musik klang, wissen wir nicht genau. Die Ägypter haben vor der griechisch-römischen Zeit keine Noten aufgeschrieben. Jede Rekonstruktion bleibt eine Annäherung. Was sicher ist: Klang war für die Ägypter ein Weg, mit dem Göttlichen in Kontakt zu treten und Unruhe zu besänftigen.

Ein Wort zu den Pyramiden: Man liest oft, die Königskammer der Cheops-Pyramide sei für heilende Klänge gebaut worden. Dafür gibt es keine Belege. Ein Raum aus Granit hat starke Resonanzen, das ist Physik, aber kein Beweis für eine Absicht.

4. Indien: Die Welt ist Klang

Kaum eine Kultur hat so viel über Klang nachgedacht wie die indische. Ein zentraler Gedanke heißt Nada Brahma: Der Klang ist der Ursprung von allem. Die indische Tradition unterscheidet den angeschlagenen, hörbaren Ton und einen inneren, unangeschlagenen Klang, der in tiefer Meditation erfahrbar sein soll. Nada Yoga ist die Übung, diesem Klang nachzulauschen.

Das einflussreichste Lehrbuch der indischen Musik, das Sangita Ratnakara aus dem 13. Jahrhundert, beginnt mit einer Verehrung dieses Klangs. In Deutschland wurde der Gedanke 1983 bekannt, durch das Buch „Nada Brahma. Die Welt ist Klang“ des Jazzkritikers Joachim-Ernst Berendt.

Und es gibt Steine, die singen. Im Vitthala-Tempel in Hampi, über 500 Jahre alt, stehen Säulen aus massivem Granit, die beim Anschlagen mit dem Finger Töne erzeugen. Manche klingen wie eine Glocke, andere wie eine Trommel oder eine Laute. Indische Physiker haben die Säulen 2008 erstmals wissenschaftlich untersucht: Sie sind tatsächlich massiv, der Klang entsteht durch Biegeschwingungen. Wie die Baumeister die Tonhöhen so genau trafen, ist bis heute nicht vollständig geklärt.

5. Griechenland: Die Zahlen hinter der Harmonie

Um Pythagoras rankt sich eine schöne Geschichte. Er soll an einer Schmiede vorbeigegangen sein, die Hämmer gehört und bemerkt haben, dass sie mal harmonisch, mal schräg klangen. Der Grund, so die Legende: Die Gewichte der Hämmer standen in einfachen Zahlenverhältnissen.

Die Geschichte ist falsch. Vincenzo Galilei, der Vater von Galileo Galilei, hat das 1581 im Versuch gezeigt. Hämmer mit doppeltem Gewicht klingen nicht eine Oktave tiefer. Richtig sind die Zahlen aber bei Saiten: Halbiert man eine Saite, erklingt die Oktave (2:1). Zwei Drittel ergeben die Quinte (3:2), drei Viertel die Quarte (4:3). Auf diesen Verhältnissen baut unsere Musik bis heute auf.

Die Pythagoreer gingen noch weiter. Sie sahen Musik als Mittel, die Seele zu ordnen. Nach antiker Überlieferung reinigten sie den Körper mit Medizin und die Seele mit Musik. Platon und Aristoteles schrieben ausführlich darüber, wie Musik auf das Gemüt wirkt und Menschen bewegt (Überblick). Das Theater von Epidauros aus Kapitel 2 zeigt, dass die Griechen auch Räume für den Klang zu bauen wussten.

6. Musik im Krankenhaus, vor über 500 Jahren

In der türkischen Stadt Edirne ließ Sultan Bayezid II. eine große Stiftung errichten: Moschee, Medizinschule und ein Krankenhaus, eröffnet 1488. Dort wurden auch Menschen mit seelischen Leiden versorgt, zu einer Zeit, in der man sie anderswo oft wegsperrte. Die Behandlung stützte sich unter anderem auf Musik, das Geräusch von fließendem Wasser und Düfte. Musiker spielten dreimal pro Woche, je nach Beschwerde in unterschiedlichen Tonarten der türkischen Kunstmusik.

Die Ideen dahinter waren älter. Gelehrte wie al-Kindi, al-Farabi und Ibn Sina, im Westen Avicenna, hatten über die Wirkung von Musik auf die Seele geschrieben. Das Krankenhaus in Edirne ist heute ein Museum der Universität Trakya. Wer den Innenhof betritt, hört Musik und das Plätschern des Brunnens, so wie die Patienten damals.

7. Klang sichtbar machen

1787 veröffentlichte der deutsche Physiker und Musiker Ernst Chladni ein Buch mit dem Titel „Entdeckungen über die Theorie des Klanges“. Darin beschrieb er ein verblüffendes Experiment: Er streute feinen Sand auf eine Metallplatte und strich mit einem Geigenbogen über ihre Kante. Die Platte begann zu schwingen, und der Sand sammelte sich zu geometrischen Mustern, den Chladnischen Klangfiguren. Jeder Ton erzeugt ein anderes Bild.

Fast 200 Jahre später griff der Schweizer Arzt Hans Jenny diese Versuche auf, machte sie mit Flüssigkeiten und Pasten noch eindrucksvoller und nannte das Ganze Kymatik. Die Bilder sind wunderschön. Erklären lassen sie sich mit klassischer Physik: Die Platte schwingt in bestimmten Mustern, und der Sand bleibt dort liegen, wo sie sich nicht bewegt. Eine geheime ordnende Kraft braucht es dafür nicht. Gerade das macht sie für mich so faszinierend.

8. Hören mit dem ganzen Körper

Unser Ohr hört ungefähr von 20 bis 20.000 Hertz. Wahrnehmen können wir mehr. In der Haut sitzen Sinneszellen, die Schwingungen registrieren. Die empfindlichsten von ihnen, die Pacini-Körperchen, reagieren am stärksten bei etwa 250 Hertz, schon auf Bewegungen der Haut von weniger als einem tausendstel Millimeter. Wer eine große Klangschale auf dem Körper gespürt hat, kennt das.

Tiere zeigen, wie vielfältig diese Wahrnehmung sein kann. Fledermäuse orientieren sich mit Ultraschall, weit oberhalb dessen, was wir hören. Elefanten spüren Schwingungen im Boden mit Füßen und Rüssel. Sie erkennen so die Warnrufe anderer Herden und können vertraute von fremden unterscheiden.

Auch die Stille gehört zum Klang. In einer Studie der Universität Pavia hörten 24 Personen Musik verschiedener Stilrichtungen, dazwischen zwei Minuten Stille. In der Pause sanken Puls, Blutdruck und Atmung, sogar unter den Ausgangswert. Die Forschenden gaben ihrer Arbeit den Untertitel „Die Bedeutung der Stille“.

Und Klang verändert, wie wir sehen. Die Psychologin Marilyn Boltz zeigte Versuchspersonen mehrdeutige Filmszenen, mal mit heiterer, mal mit düsterer, mal ohne Musik. Die Musik veränderte, wie sie die Figuren deuteten und woran sie sich eine Woche später erinnerten.

Aus meiner Erfahrung: Seit über 30 Jahren arbeite ich mit Klang, auf Bühnen, im Studio, für Film und Werbung. Dort entscheidet Klang, ob eine Szene Spannung erzeugt, Erholung oder Neugier. Ich habe gelernt: Selbst im besten Studio entscheidet am Ende das Gefühl. Und oft ist es die Stille zwischen den Tönen. Menschen hören verschieden. Manche reagieren auf hohe Töne mit Unruhe, andere empfinden sie als klar und angenehm. Vieles davon ist nicht in klinischen Studien erfasst. Es ist mein Handwerk.

Deshalb arbeite ich nicht nach Schema. Jede Sitzung beginnt mit dem Erstgespräch und dem Anamnesebogen. Instrumente, Lautstärke und Pausen stimme ich auf Sie ab.

9. Mythen, die sich halten

Rund um Klang werden viele Geschichten erzählt. Manche sind schön, aber nicht wahr. Hier die bekanntesten.

„Das Didgeridoo ist 40.000 Jahre alt.“ Die ältesten Belege sind Felsmalereien in Nordaustralien. Sie zeigen das Instrument seit etwa 1.500 Jahren. Älter könnte es sein, nachweisen lässt es sich nicht.

„Tibetische Mönche nutzen Klangschalen seit Jahrtausenden zum Heilen.“ Dafür gibt es keine Belege, auch nicht für die oft genannten sieben Metalle. Die Erzählung entstand vor allem ab den 1970er Jahren im Westen. Die Schalen klingen trotzdem wunderbar. Sie brauchen den Mythos nicht.

„432 Hertz ist die natürliche Stimmung, 528 Hertz repariert die DNA.“ Der Kammerton war nie fest: Im Barock lag er oft um 415 Hertz, 1885 schlug Österreich 435 Hertz vor, heute gelten meist 440 Hertz, manche Orchester stimmen höher. Für Heilwirkungen bestimmter Frequenzen oder eine Reparatur der DNA durch Töne gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Eine kleine italienische Pilotstudie von 2019 mit 33 Personen fand bei Musik in 432 Hertz einen etwas niedrigeren Puls. Eine andere Studie fand keinen Unterschied in der Reaktion des Nervensystems. Mehr als ein Hinweis ist das noch nicht.

„7,83 Hertz ist der Herzschlag der Erde, und wir schwingen mit.“ Die Schumann-Resonanz gibt es wirklich. Der Münchner Physiker Winfried Otto Schumann sagte sie 1952 voraus: Zwischen Erdboden und Ionosphäre schwingen elektromagnetische Wellen, angeregt von Blitzen, mit etwa 7,83 Hertz. Aber das ist kein Klang. Es sind Radiowellen mit einer Wellenlänge von rund 38.000 Kilometern. Man kann sie weder hören noch spüren. Musik oder Töne mit „7,83 Hertz“ haben mit diesem Phänomen nur die Zahl gemeinsam. Eine Wirkung auf die Gesundheit ist nicht belegt.

Warum diese Geschichten so beliebt sind? Weil sie einfach sind. Die Wirklichkeit ist genauer und, wie ich finde, spannender.

10. Kurze Fragen zur Sitzung

Was ziehe ich an? Bequeme Kleidung, in der Sie liegen oder sitzen können. Schuhe ziehen Sie aus. Eine Decke und Wasser stehen für Sie bereit.

Brauche ich Vorkenntnisse? Nein. Sie müssen nichts können und nichts leisten.

Was bringe ich mit? Den ausgefüllten Anamnesebogen, den Sie nach dem Erstgespräch erhalten.

Kann ich die Sitzung unterbrechen? Jederzeit. Ein kurzes Zeichen genügt.

Wie laut wird es? So laut, wie es für Sie angenehm ist. Lautstärke und Nähe der Instrumente stimme ich vorher mit Ihnen ab.

Zahlt die Krankenkasse? In der Regel nicht. Klangarbeit ist keine Heilbehandlung.

Ich bin in ärztlicher oder psychotherapeutischer Behandlung. Geht das trotzdem? Sprechen Sie das bitte im Erstgespräch an und klären Sie es im Zweifel mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Therapeuten. Klangarbeit ersetzt keine Behandlung.